Stille Wasser sind tief

Aus der einstigen Abbaugrube wird ein Kultur- und Naturdenkmal (Teil 2)

 

Der Probstsee geht auf die einstige Lehmgrube der „Schamotte- und Tonwarenfabrik Probst“ zurück, von der wir in der letzten Ausgabe berichteten. Heute bietet er als größtes Stillgewässer im Stadtgebiet Stuttgarts auf den Fildern einen wichtigen Naherholungsraum und ein Rückzugsgebiet für zahlreiche teils seltene Tier- und Pflanzenarten.

 

Von Sonja Mailänder

 

Mit der Beendigung des Abbaus 1934 blieb die Lehmgrube der Ziegelei zunächst sich selbst überlassen und füllte sich nach und nach mit Wasser, das direkt durch den Niederschlag hineingelangte oder seitlich aus den Wänden austrat. Innerhalb der hier anstehenden Lösslehme kommen vor allem in den tieferen Bereichen stärker tonhaltige Lagen vor, über denen sich versickerndes Niederschlagswasser staut und mit dem Gefälle der Schichten abfließt. Während des Betriebs des Probst`schen Unternehmens musste deshalb auch ständig Wasser aus der Grube abgepumpt werden. Dieser Grundwasserzustrom stellte vermutlich zuletzt ein immer größeres Problem dar, da der Abbau im Laufe der Zeit immer weiter nach Norden in eine feuchte Senke hinein erweitert wurde. Zwar wurde der westliche Teil der Lehmgrube zwischenzeitlich noch als Schießplatz genutzt. Da jedoch kein weiteres Interesse mehr daran bestand, sie trocken zu halten, stieg der Wasserspiegel wahrscheinlich relativ rasch an. Auf Fotos der Zeit um 1939 sind bereits Sträucher und Bäume – vermutlich Weiden und andere Feuchte liebende Arten – zu erkennen, die auf der Grubensohle aufgekommen waren und nun mit ihren unteren Teilen regelrecht ertranken. An den flacheren Ufern breiteten sich Schilfröhrichte und Rohrkolben aus.

 

„Grabeland“ und naturnahes Stillgewässer

 

Über einige Jahre wurden Abfälle im „Probste`loch“ entsorgt, sodass sich stinkender Unrat ansammelte und Ratten ansiedelten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfüllte man den Westteil der Grube mit Kriegsschutt und Erdaushubmaterial, das damals auf zahlreichen Bauplätzen anfiel. Im Süden der so gewonnenen Flächen errichtete das Unternehmen „Gottlob Auwärter O.H.G.“ 1953 eine neue große Omnibus-Fertigungshalle. In der Nordwestecke begannen hingegen Möhringer in den Nachkriegsjahren Gemüse anzubauen, um ihre damals knappe Ernährungssituation aufzubessern. Zwischenzeitlich diente das Gelände außerdem als Motocross-Strecke für jugendliche Motorradfahrer. Mit den Jahren entstand auf dem sogenannten „Grabeland“ schließlich eine Kleingartenanlage, die bis heute von den 1954 gegründeten „Gartenfreunden Stuttgart-Möhringen e.V.“ genutzt wird.

 

Aus dem unverfüllten Teil hat sich bis heute ein naturnahes Stillgewässer entwickelt, das im Stadtgebiet Stuttgarts Rückzugsbiotope für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten bietet. Es umfasst ein Mosaik verschiedener Kleinstandorte mit offenen Wasserflächen, Röhrichten, Ufergehölzen und Wiesen. Im Jahr 2003 wurde der Probstsee durch Verordnung der Landeshauptstadt Stuttgart als flächenhaftes Naturdenkmal ausgewiesen und damit seiner besonderen landschaftlichen Ausstattung Rechnung getragen.

 

Vom Winde verweht – Löss

Als Rohmaterial für die Ziegelbrennerei wurden Lösslehme abgebaut. Löss nennt man feinen kalkhaltigen Gesteinsstaub, der während besonders eisiger und trockener Phasen einer Kaltzeit – zuletzt vor etwa 25.000 bis 18.000 Jahren zum Hochstand der Würm-Kaltzeit – von großen vegetationsarmen Flächen, besonders aus Flusstälern, ausgeweht und in gletscherfreien Gebieten wieder abgelagert wurde. In den damaligen Grassteppen der relativ flachen Filderebene war der Löss gut vor der Wiederabtragung geschützt und blieb dort daher sehr mächtig erhalten. Während der Warmzeiten verwitterte er zu Lösslehm, der für die fruchtbaren Böden der Filder verantwortlich ist. Bereits in der Jungsteinzeit ab circa 5500 v. Chr. ließen sich hier daher Ackerbauern und Viehzüchter nieder. Außer zur Landwirtschaft wurde der „Filderlehm“ jedoch auch zur Herstellung von Keramik, als Füllstoff des Häuserflechtwerks und verstärkt ab dem Mittelalter zur Ziegelproduktion verwendet.

 

(Artikel aus Möhringen Aktuell, KW 21/2021)

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